Ich schreie, schlage gegen diese Wand, die mich gefangen hält und begehre auf.
Am Ende ist doch alles vergeben...
Fröstelnd rieb er die Hände aneinander und hauchte die behandschuhten Finger auf, um wenigstens etwas Wärme versprüren zu können. Es war der erste, richtige Wintertag in diesem Jahr. Die Kaltfront hatte volle Kanne zugeschlagen und der dünne Herbstmantel, den Alex trug, reichte schon lange nicht mehr aus, um ihn zu wärmen. Er wartete. Wartete mit ein paar anderen Menschen auf die Straßenbahn, die ihn nun nach getaner Arbeit endlich wieder in sein Wahl Zuhause bringen würde. Naja, eigentlich war es vielmehr notwendig, dass er dort unterkam, nachdem er so 'ruhmreich' bei seinen Eltern rausgeflogen war. Manchmal vermisste er seinen kleinen Bruder etwas. Diesen quirligen, kleinen Jungen, der um seine Beine turnte und ihn lachend zum Spielen aufforderte. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er in die Straßenbahn einstieg. Da waren Kommentare, Getuschel, Blicke, die ihm folgten, als er zu seinem Stammplatz nach hinten schritt.
"Emo!"
"Heute schon geritzt?"
"Scheiß Schwuchtel!"
"Wie kann man nur so rumlaufen!"
Alex ignorierte es, ließ sich auf den Platz ganz hinten fallen und zog die Beine an seinen Körper, stemmte sie gegen den Vordersitz. Sein Blick glitt aus dem Fenster, in die Fensterscheibe, betrachtete sich mit scharfen Augen, während er blind seinen Mp3-Player aus der Tasche zog und in eine Welt voller Musik eintauchte. Seine Wangen wirkten schon wieder rundlicher, dabei hatte er eigentlich abgenommen. Seine Nase war ungerade, seine Augen schief, das eine Lid hing leicht, die Augenbrauen mussten auch dringend mal wieder gezupft werden. Und war das ein Ansatz in seinen blauen Haaren? Scheiße. Ganz zu schweigen davon, dass man leichte Abdrücke seiner Brüste unter dem Mantel sah. Leicht nur, aber für ihn schon wieder viel, viel zu viel. Angeekelt verzog er den Mund und schürte den Selbsthass weiter in sich. Ein neuer Abbinder musste her, dringend. Er musste diese Dinger wegkriegen, bald, jetzt, sofort, hätte sie sich am liebsten einfach abgeschnitten, nur, um endlich das zu sein, was er sich wünschte, was er war. Dabei hatte er doch schon so viel abgenommen! Warum waren sie noch immer da? Warum konnten sie nicht einfach weggehen?!
Die Welt um ihn wurde düster. Dicke Regentropfen fielen schwer gegen die Fensterscheibe, während die Straßenbahn ihn zurückfuhr, zurück in die Klinik, in der er sich geborgener fühlte, als er es im elterlichen Nest jemals könnte.